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Reizblase

Die Reizblase – in der modernen medizinischen Fachsprache als überaktive Blase bezeichnet – ist eine Störung der Blasenfunktion, die durch (fast) ständigen Harndrang und übermäßig häufiges Wasserlassen gekennzeichnet ist. Ein Teil der Betroffenen leidet zusätzlich an einem Verlust der Blasenkontrolle mit Dranginkontinenz.

Die Probleme lassen sich nicht auf eine der typischen Ursachen für Harnwegsbeschwerden zurückführen: Harnblase und Harnröhre sind frei von mikrobiellen Infektionen, im Urintest fallen weder Blut noch Entzündungsmarker auf. Schmerzen beim Urinieren – typisch für Blasenentzündungen und andere Erkrankungen, die ebenfalls zu gesteigertem Harndrang führen – treten bei der Reizblase nicht auf, auch wenn der Harndrang selbst als eine Art Schmerz erlebt werden kann.

Die Reizblase ist bei Erwachsenen jenseits der 40 keine seltene Symptomatik. Eine 2001 in sechs europäischen Ländern durchgeführte Befragung ermittelte, dass in Deutschland 17 % der Männer und 18 % der Frauen über 40 an Symptomen einer überaktiven Blase leiden. Andere Schätzungen geben sogar noch viel höhere Werte an. Auch wenn die Störung eher als Frauenproblem gilt, können auch Männer entsprechende Beschwerden haben. Allerdings wird der Urologe bei einem älteren Mann mit verstärktem Harndrang und häufigem Wasserlassen mit Recht zunächst an eine gutartige Prostatavergrößerung denken.

Die Reizblase ist eine Ausschlussdiagnose: Sie wird gestellt, wenn mit den heute zur Verfügung stehenden diagnostischen Mitteln keine Hinweise auf ein Krankheitsgeschehen gefunden werden können. Zur Diagnostik gehört ein Miktionstagebuch, in dem Sie für wenige Tage dokumentieren, wann und wieviel Sie getrunken und uriniert haben.

Als Therapie der Reizblase wird Ihnen der Arzt leitlinienkonform zunächst eine von einem Physiotherapeuten unterstützte Kombination von Blasentraining und Beckenbodentraining empfehlen (der willkürliche Blasenschließmuskel ist Teil der Beckenbodenmuskulatur). Das Beckenbodentraining kann durch Biofeedback und/oder Elektrostimulation noch wesentlich effektiver gemacht werden. Auch Yoga und komplementärmedizinische Therapien wie Akupunktur können helfen.

Frauen in der Menopause profitieren auch bei Reizblase oft von der vaginalen Anwendung einer östrogenhaltigen Creme – offenbar hängt die Symptomatik bei Frauen nicht selten mit einer durch Östrogenmangel bedingten Reizung der Schleimhaut im Bereich von Vagina und Harnröhre zusammen. 

Für die medikamentöse Behandlung stehen unterschiedliche muskelrelaxierende Wirkstoffe (Anticholinergika und Sympathomimetika) zur Verfügung, die die Muskulatur der Blasenwand entkrampfen.

Sind die Symptome der überaktiven Blase auf diesem Wege nicht zu kontrollieren, kommen weitere Behandlungsmöglichkeiten in Frage. Das wäre einerseits die Botox-Behandlung: Die wohldosierte Injektion von Botulinumtoxin-A in die Blasenwand bringt die Beschwerden mit Sicherheit für mindestens einige Monate zum Verschwinden. Und andererseits die Implantation von Elektroden zur sogenannten sakralen Neuromodulation (SNM) (auch: sakrale Neurostimulation, SNS, bzw. Beckenbodenschrittmacher), die in vielen Fällen zu einer Verbesserung der Blasenfunktion führt.

Die urologische Praxis von Dr. Armbruster und Dr. Gärtner in Kornwestheim ist mit der Diagnostik und Behandlung der Reizblase umfassend vertraut.

Häufige Fragen

Wie genau es zu einer überaktiven Blase kommt, kann die medizinische Forschung heute nur in Ansätzen erklären. Die Funktionsstörung wird als Fehlsteuerung der Blasenmuskulatur bzw. Überempfindlichkeit der Dehnungsrezeptoren in der Blasenwand interpretiert und hat in vielen Fällen eine selbstverstärkende Komponente: Je öfter die Blase entleert wird, desto mehr „verlernt“ sie es, größere Urinmengen zu speichern.

Die Reizblase oder überaktive Blase führt zu verstärktem Harndrang und erhöhter Miktionsfrequenz (das ist die Anzahl der täglichen Toilettengänge zum Zweck des Urinierens), eventuell auch in der Nacht (Nykturie). In manchen Fällen kommt Dranginkontinenz hinzu: Der unbeherrschbare Harndrang führt, sofern nicht schnellstmöglich eine Toilette aufgesucht wird, zum unfreiwilligen Verlieren von Urin. Abhängig davon, ob Dranginkontinenz auftritt oder nicht, spricht man heute von der „nassen“ und der „trockenen“ Form der überaktiven Blase.

Als erhöhte Miktionsfrequenz gelten acht und mehr Toilettengänge pro Tag bei durchschnittlicher Trink- und Urinmenge. Entscheidend für die Diagnose ist jedoch der für die Betroffenen mit Harndrang und Miktionsfrequenz verbundene Leidensdruck.

Die konservative Behandlung der überaktiven Blase erfolgt mit einer Kombination aus Physiotherapie und Blasentraining.

Das Blasentraining umfasst bewusste Strategien, den Harndrang zu verstehen und unter Kontrolle zu bekommen, die Pausen zwischen Toilettengängen auszudehnen und das Fassungsvermögen der Blase wieder zu erhöhen. Zudem wird das Trinkverhalten optimiert.

Zur Physiotherapie gehört in erster Linie ein Training der Beckenbodenmuskulatur. Durch die Einbeziehung von Biofeedback und/oder Elektrostimulation wird die Effizienz dieses Trainings nachweislich erhöht. Beim Biofeedback misst ein Sensor die Stärke der bewusst herbeigeführten Muskelkontraktionen, was Sie auf einem Display verfolgen können. Bei der Elektrostimulation lassen kleine elektrische Impulse die Beckenbodenmuskeln ohne Ihr Zutun kontrahieren. Das kräftigt diese Muskeln und vermittelt Ihnen gleichzeitig, worauf Sie bewusst hinarbeiten sollten.

Das nächste „Geschütz“, das Ihr Urologe auffahren kann, ist die medikamentöse Behandlung mit Wirkstoffen, die die Blasenmuskulatur entspannen, am besten in Kombination mit einer Physiotherapie. Die eingesetzten Wirkstoffe entspannen allerdings nicht nur die Blasenmuskulatur, sondern können auch unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Für Anticholinergika gehören zum Nebenwirkungsspektrum ausgeprägte Mundtrockenheit, Verstopfung und Herzrasen, für Sympathomimetika erhebliche Blutdruckerhöhungen, die diese Mittel für Patienten mit hohem Blutdruck ungeeignet machen.

Eine sinnvolle und praktisch nebenwirkungsfreie Behandlung für Frauen mit Reizblase, die sich in der Menopause befinden, ist die Anwendung östrogenhaltiger Vaginalcremes, die menopausal bedingte entzündliche Veränderungen der Vaginalschleimhaut auf natürliche Weise korrigieren und auch bei überaktiver Blase nachgewiesenermaßen hilfreich sind.

Bringen konservative und medikamentöse Behandlungen nicht den erwünschten Erfolg, sind Botox-Injektionen in die Blasenschleimhaut ein sicherer Weg, die Beschwerden für drei Monate bis maximal ein Jahr zum Verschwinden zu bringen. Manche Betroffene haben bereits etliche solcher Injektionen hinter sich; leider lässt die Wirkdauer der Botox-Behandlung bei wiederholten Behandlungen tendenziell nach.

Die Implantation eines Beckenbodenschrittmachers (aka sakrale Neuromodulation) wird die Beschwerden dagegen nicht so dramatisch, aber dafür mit einiger Wahrscheinlichkeit nachhaltiger lindern. Es werden (nach einer Testphase mit externer Steuerung) eine kleine Elektrode und ein Steuerungsgerät in Rücken bzw. Gesäß implantiert. Die Elektrode stimuliert mit kleinen elektrischen Impulsen die unter anderem für die Kommunikation zwischen Gehirn und Blase verantwortlichen, im Rücken verlaufenden Sakralnerven. Warum genau das wirkt, weiß man nicht, aber die Erfahrung ist, dass eine solche Behandlung die Blasenfunktion deutlich normalisieren kann.

Schlägt alles fehl und ist der Leidensdruck extrem, können Betroffene durch Entfernung der Blase und Schaffung einer sogenannten Neoblase mit Harnableitung (hier wird alle drei bis fünf Stunden durch Ansetzen eines Katheters der Urin abgelassen) wieder Lebensqualität gewinnen: Ein extremer Schritt, der sehr gut abgewogen werden muss, aber kein Ding der Unmöglichkeit.

Der Verzicht auf Stoffe, die harntreibend wirken und/oder die Blase reizen – dazu gehören Koffein und Nikotin – ist zwar vielleicht kein Hausmittel in dem Sinne, aber auf jeden Fall bei überaktiver Blase sinnvoll.

Ebenso sinnvoll ist Beckenbodentraining, die sogenannten Kegel-Übungen. Diese unaufwendigen Übungen lassen sich im Alltag jederzeit einschieben (Beckenbodentraining können Sie machen, während Sie am Schreibtisch oder auf dem Sofa sitzen), kräftigen den Blasenschließmuskel und wirken der altersbedingten Senkung der Organe des Beckenraums entgegen.

Zu den hierzulande bei Blasenproblemen üblicherweise empfohlenen Naturheilmitteln gehören Kürbiskerne bzw. Kürbiskernextrakt/-öl. Insbesondere die japanische, chinesische und ayurvedische Medizin kennen eine ganze Reihe von pflanzlichen Arzneimitteln, die bei einer Reizblase helfen sollen.

Meist sind solche Hausmittel allerdings medizinisch kaum untersucht. Liegen Studien vor, sind sie oft klein und methodologisch wenig überzeugend, etwa weil das Präparat nicht mit einem Placebo verglichen wurde. Für einige phytotherapeutische Arzneimittel gibt es jedoch korrekt durchgeführte Anwendungsstudien bzw. Laboruntersuchungen an Versuchstieren, die eine Wirksamkeit bei überaktiver Blase zumindest nahelegen. Dazu gehören die Goethe-Pflanze (Bryophyllum pinnatum) sowie die aus der traditionellen chinesischen und japanischen Medizin stammenden Arzneimittel Ba-Wei-Di-Huang-Wan (im deutschsprachigen Raum werden Sie vielleicht einige TCM-Spezialisten finden, die die Zubereitung unter dem Namen Rehmannia 8 kennen), Goha-jinki-gan und Weng-Li-Tong.

Statistisch verschwinden die Symptome der überaktiven Blasen bei knapp 40% der Betroffenen innerhalb eines Jahres. Das heißt, für 60% der Betroffenen ist die überaktive Blase längerfristig ein Problem. Das heißt nicht, dass Sie nun in jedem Fall für immer damit leben müssen, aber viele Patienten leiden tatsächlich jahrelang an entsprechenden Symptomen. Mit der sakralen Neuromodulation existiert allerdings eine moderne Behandlungsoption, die nicht nur langfristig wirkt, sondern bei längerer Behandlungsdauer potentiell sogar zu einer immer weiteren Besserung der Symptomatik führt.

Und: Nein, mit einer behandlungsresistenten Reizblase müssen Sie nicht für immer leben. Bei komplettem Therapieversagen und großem, anhaltendem Leidensdruck sind operative Eingriffe verfügbar, die das Problem wirklich ein für alle Mal lösen – wenn auch auf eine relativ extreme Weise (Entfernung der Harnblase und Schaffung einer sogenannten Neoblase mit Harnableitung über die Harnröhre oder den Bauchnabel).

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